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Causae et Curae – Hildegard von Bingens medizinisches Hauptwerk

Causae et Curae – Hildegard von Bingens medizinisches Hauptwerk

„Ursachen und Behandlung der Krankheiten" – so lautet die deutsche Übersetzung von Causae et Curae, dem medizinischen Hauptwerk der Benediktineräbtissin Hildegard von Bingen. Wer verstehen will, was Hildegard-Medizin in ihrem Kern ist – welche Vorstellung vom Menschen, von Krankheit, von Heilung sie hatte –, muss dieses Buch kennen. Es ist der Schlüssel zu allem anderen: zu ihren Kräuterrezepten, ihrer Ernährungslehre, ihren Temperamentenlehren, ihrer Sicht auf Körper und Seele.

Dieser Artikel führt dich durch Entstehung, Aufbau und Inhalt von Causae et Curae, erklärt seine abenteuerliche Überlieferungsgeschichte und zeigt, was dieses Werk aus dem 12. Jahrhundert heute noch zu sagen hat.

Was du in diesem Artikel erfährst

Thema Inhalt
Name & Titel Was Causae et Curae bedeutet – und wie das Werk noch heißt
Entstehung Wann und wie das Werk entstand; Verhältnis zur Physica
Überlieferung Warum es fast verloren war – und wie es gerettet wurde
Die 6 Bücher Aufbau und Inhalt im Detail
Hildegards Krankheitslehre Vier Elemente, vier Säfte, Temperamente – das medizinische Weltbild
Physica vs. Causae et Curae Worin sich die beiden Hauptwerke unterscheiden
Heutige Bedeutung Was bleibt – und was kritisch zu sehen ist

Name, Titel und Alternativbezeichnungen

Causae et Curae ist Lateinisch und bedeutet wörtlich „Ursachen und Heilmittel" – sinngemäß also „Ursachen und Behandlung der Krankheiten". Genau das ist der Titel der maßgeblichen modernen deutschen Übersetzung von Prof. Ortrun Riha (Beuroner Kunstverlag, 2011/2012): „Ursprung und Behandlung der Krankheiten".

Das Werk trägt in der Überlieferung noch zwei weitere Bezeichnungen: Liber compositae medicinae (Buch der zusammengesetzten Heilkunde) – so nennt es das Kanonisationsprotokoll von 1233, das erste historische Dokument, das das Werk ausdrücklich Hildegard zuschreibt. Und ursprünglich bildete es gemeinsam mit der Physica ein einziges Werk namens Liber subtilitatum diversarum naturarum creaturarum – „Das Buch von den Geheimnissen der verschiedenen Naturen der Geschöpfe".

Entstehung: Wann schrieb Hildegard Causae et Curae?

Die medizinisch-naturkundlichen Werke Hildegards entstanden zwischen etwa 1150 und 1160 – parallel zu ihrer Tätigkeit als Äbtissin auf dem Rupertsberg bei Bingen. Sie waren das Ergebnis jahrzehntelanger Beobachtung: Hildegard behandelte kranke Mitschwestern, empfing Kranke, die zu ihr kamen, studierte Heilungsversuche und hielt ihre Erkenntnisse fest – diktiert an ihren Sekretär Volmar.

Wichtig für das Verständnis: Causae et Curae ist kein Visionswerk. Es gehört nicht zu jenen Schriften wie dem Scivias, in denen Hildegard göttliche Offenbarungen niederschrieb. Medizinhistoriker ordnen es als natur- und heilkundliches Alltags- und Erfahrungswissen des Mittelalters ein – als das persönliche Wissenskompilat einer außergewöhnlich beobachtungsstarken Frau des 12. Jahrhunderts, geprägt von der Klostermedizin ihrer Zeit, der antiken Humoralpathologie und eigenem klinischem Blick.

Ursprünglich bildeten Causae et Curae und die Physica ein einziges großes Werk. Die Trennung in zwei eigenständige Bücher erfolgte bereits früh im 13. Jahrhundert – also noch zu Lebzeiten vieler, die Hildegard noch persönlich kannten. Warum genau, ist unklar. Möglicherweise entsprach die Teilung dem unterschiedlichen praktischen Nutzen: die Physica als Nachschlagewerk für Kräuter und Heilmittel, Causae et Curae als theoretisches Grundlagenwerk der Medizin.

Die abenteuerliche Überlieferungsgeschichte: Fast verloren, im 19. Jahrhundert wiederentdeckt

Hier liegt eine der faszinierendsten Geschichten der mittelalterlichen Medizingeschichte: Causae et Curae existiert heute praktisch nur durch eine einzige Handschrift.

Während die Physica im Mittelalter noch relativ verbreitet war (fünf Buchfassungen sind überliefert, der erste Druck erschien 1533 in Straßburg), geriet die Heilkunde nach Hildegards Tod weitgehend in Vergessenheit. Sie fehlt im Rupertsberger Riesenkodex – der Gesamtausgabe von Hildegards Werken, die noch zu ihren Lebzeiten oder kurz danach entstand. Kein mittelalterlicher Bibliothekskatalog führte das Werk, kein Kloster ließ Abschriften anfertigen.

Was blieb: Eine nahezu vollständige Abschrift aus dem 13. Jahrhundert, die irgendwann ihren Weg nach Dänemark fand und heute in der Königlichen Bibliothek Kopenhagen liegt. Ergänzt wird sie durch das sogenannte „Berliner Fragment" (Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Ms. lat. qu. 674), das eine Textlücke in der Elementenlehre am Ende des ersten Buches schließt.

Erst Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckte der Botaniker Carl Jessen den Kopenhagener Kodex wieder. Jean-Baptiste Pitra und Paul Kaiser veröffentlichten Auszüge; Kaiser legte 1903 die erste vollständige Edition des lateinischen Textes vor (Teubner, Leipzig). Die erste vollständige deutsche Übersetzung erschien 1933 durch Hugo Schulz. Die heute maßgebliche kritische Edition stammt von Laurence Moulinier (Akademie Verlag Berlin, 2003), die moderne Standardübersetzung von Ortrun Riha (Beuroner Kunstverlag, 2011) – herausgegeben von der Abtei St. Hildegard Eibingen.

Causae et curae ist heute das weithin bekannteste und meist gelesene Werk Hildegards von Bingen. In dieser faszinierenden Heilkunde entwirft die große Benediktinerin ein umfassendes Bild des gesunden und des kranken Menschen und weist konkrete Wege zu einer heilen Lebensordnung und Lebensführung."

– Aus dem Vorwort der Abtei St. Hildegard Eibingen zur Ausgabe von Ortrun Riha (Beuroner Kunstverlag)

Aufbau: Die sechs Bücher von Causae et Curae

Nach der Gliederung der Standardausgabe von Ortrun Riha umfasst das Werk 492 Abschnitte in sechs Büchern:

Buch Titel (nach Riha) Abschnitte Kerninhalt
Buch I Die Ordnung der Welt 1–55 (55 Abschnitte) Kosmologie, Schöpfungsgeschichte, vier Elemente, Stellung des Menschen im Kosmos, Vier-Säfte-Lehre, Temperamentenlehre, Sexualpathologie, Embryologie
Buch II Ursprung und Behandlung der Krankheiten 56–352 (297 Abschnitte) Systematische Krankheitslehre von Kopf bis Fuß: Kopfschmerzen, Augen, Ohren, Zähne, Nase, Lunge, Herz, Magen, Leber, Nieren, Blase, Gicht, Fieber, Hautkrankheiten, Stoffwechselerkrankungen
Buch III Rezepte 353–393 (41 Abschnitte) Konkrete Heilrezepte und Zubereitungsanweisungen; Kräuter, Gewürze und ihre Anwendung
Buch IV Weitere Rezepte 394–460 (67 Abschnitte) Erweiterte Rezeptsammlung; Tierkrankheiten und landwirtschaftliche Hinweise
Buch V Prognosen 461–492 (32 Abschnitte) Prognoseregeln, Zeichen für günstigen oder ungünstigen Krankheitsverlauf
Buch VI Der Mond (kurz, ohne Einzelzählung) Einfluss des Mondlaufs auf Gesundheit und Krankheit; Lunare Medizin

Mit 297 Abschnitten allein im zweiten Buch ist die eigentliche Krankheitslehre das Herzstück des Werkes – und zugleich der praktischste Teil. Hier beschreibt Hildegard Symptome und Behandlungen systematisch nach Körperregionen, beginnend beim Kopf.

Das Weltbild von Causae et Curae: Makrokosmos und Mikrokosmos

Warum beginnt ein Heilkundebuch mit der Schöpfungsgeschichte und der Ordnung des Universums? Für einen modernen Leser wirkt das befremdlich. Für Hildegard war es zwingend logisch – und genau darin liegt der Schlüssel zu ihrem Denken.

Hildegards medizinisches Weltbild ruht auf einem einzigen tragenden Gedanken: Der Mensch ist ein Abbild des Kosmos – ein Mikrokosmos im Makrokosmos. Wie die Welt aus vier Elementen (Feuer, Luft, Wasser, Erde) zusammengesetzt ist, so besteht der Mensch aus vier entsprechenden Körpersäften. Gesundheit ist das harmonische Gleichgewicht dieser Säfte; Krankheit entsteht, wenn ein Saft überhandnimmt und die anderen verdrängt.

Hildegard formuliert das selbst so – sinngemäß zitiert aus dem ersten Buch der Causae et Curae:

„Denn wie [die Welt] aus vier Elementen zusammengesetzt ist, so besteht [der Mensch] aus vier Säften (Temperamenten), und zwar in einem bestimmten gemischten Verhältnis. Deshalb haben die Alten den Menschen in einen Zusammenhang mit dem Bau der Welt gestellt, da auf griechisch die Welt ‚Kosmos', der Mensch aber ‚Mikrokosmos', das heißt kleine Welt, genannt wird."

Diese Denkfigur ist nicht Hildegards Erfindung – sie stammt aus der antiken Medizin, vor allem aus Galen und Hippokrates, vermittelt über das arabische und frühmittelalterliche Schrifttum. Hildegards Leistung lag darin, dieses tradierte System mit eigenem Beobachtungswissen zu füllen, mit ihrer Mystik zu verbinden und in die Sprache des 12. Jahrhunderts zu übersetzen.

Die vier Elemente und ihre Wirkung auf den Menschen

Element Qualität Wirkung auf den Menschen (nach Hildegard) Körpersaft / Phlegma-Typ
Feuer warm, trocken Wärme des Körpers, Sehvermögen trockenes Phlegma (siccum)
Luft warm, feucht Atem, Hörvermögen feuchtes Phlegma (humidum)
Wasser kalt, feucht Blut, Beweglichkeit schäumendes Phlegma (spumaticum)
Erde kalt, trocken Gewebe, Knochen, aufrechter Gang lauwarmes Phlegma (tepidum)

Das Gleichgewicht dieser vier Säfte – in Hildegards eigener Nomenklatur, die sich von der klassischen antiken Humoralpathologie leicht unterscheidet – ergibt Gesundheit. Ein Übermaß (abundantia) einer Komponente führt zur Gerinnung der Säfte (coagulatio) und damit zu Krankheit: körperlich, geistig oder im Gemüt.

Die Temperamentenlehre: Hildegards eigenständige Weiterentwicklung

Hier zeigt sich Hildegards intellektuelle Eigenständigkeit besonders deutlich. Die antike Medizin kannte vier Temperamente (Sanguiniker, Choleriker, Melancholiker, Phlegmatiker). Hildegard beschreibt in Causae et Curae 14 Charaktertypologien – getrennt nach Mann und Frau – und verbindet diese mit spezifischen Krankheitsdispositionen.

Jeder Typus hat nach Hildegard eine charakteristische Neigung zu bestimmten Erkrankungen, bestimmten Verhaltensweisen und auch bestimmten Tugenden oder Lastern. Das ist frühe Psychosomatik: Charakter und körperliche Konstitution sind für Hildegard untrennbar verbunden. Wer sich selbst kennt – seinen Typus, seine Säfte, seine Neigungen –, kann Krankheit vorbeugen. Dieser Ansatz ist in Hildegards Gesamtmedizin bis heute das eigentlich moderne Element.

Das zweite Buch: Die systematische Krankheitslehre

Mit 297 Abschnitten ist das zweite Buch das Kernstück von Causae et Curae. Hildegard arbeitet sich dabei systematisch durch den menschlichen Körper – von oben nach unten. Was sie dabei beschreibt, ist die erste umfassende Krankheitssystematik in einem deutschsprachigen Raum verfassten Werk des Mittelalters:

Kopf und Sinnesorgane: Kopfschmerzen, Ohrenleiden, Zahnkrankheiten, Augenleiden, Nasenerkrankungen – jeweils mit Ursache und Behandlung.

Brust und Innere Organe: Lungenerkrankungen und Herzleiden werden weniger ausführlich behandelt; ausführlicher sind Magen-, Leber-, Nieren- und Blasenerkrankungen sowie Steinleiden.

Stoffwechsel und Blut: Bei Stoffwechselstörungen stellt Hildegard die Rolle des Blutes als „Verteiler" besonders heraus – eine Beobachtung, die in ihrer Richtung stimmt, auch wenn die physiologische Erklärung mittelalterlich bleibt.

Fieber und Hauterkrankungen: Hildegard unterscheidet Hauterkrankungen als Aussatz, Ausschlag und Eiterbeulen und beschreibt Fieberverlauf und -behandlung.

Gicht und Gelenkleiden: Ausführlich, weil Gicht die mittelalterliche Volkskrankheit schlechthin war. Hildegards Behandlungsansätze – Ernährungsumstellung, bestimmte Kräuter, Wärme – entsprechen in ihrer Grundidee modernen Empfehlungen zur Harnsäure-Senkung.

Nicht beschrieben: chirurgische Eingriffe bei Knochenbrüchen oder Verletzungen. Das war nicht Hildegards Domäne – und auch kein Teil der Klostermedizin ihrer Zeit.

Rezepte, Prognosen, Mond: Die Bücher III bis VI

Die Bücher III und IV mit insgesamt 108 Rezeptabschnitten sind das, was die praktische Hildegard-Medizin bis heute am direktesten nutzt. Hier finden sich konkrete Zubereitungsanleitungen für Kräuteranwendungen, Tinkturen, Salben und Tees – viele davon identisch oder verwandt mit Rezepten, die auch in der Physica erscheinen. Interessant: Buch IV enthält auch Hinweise zu Tierkrankheiten und Landwirtschaft – ein Hinweis darauf, dass Hildegard ihr Wissen für die gesamte klösterliche Gemeinschaft verfasste, nicht nur für die menschliche Medizin.

Buch V (Prognosen) enthält Regeln, an denen ein mittelalterlicher Arzt den Verlauf einer Krankheit abschätzen konnte – eine Art Checkliste klinischer Zeichen. Buch VI (Mond) behandelt den Einfluss des Mondlaufs auf Gesundheit, Krankheit und Heilbehandlungen – ein in der mittelalterlichen Medizin universell verbreitetes Konzept, das bis weit in die Neuzeit reichte.

Physica vs. Causae et Curae: Worin unterscheiden sich die beiden Hauptwerke?

Physica (Liber simplicis medicinae) Causae et Curae (Liber compositae medicinae)
Lateinischer Titel Liber simplicis medicinae Liber compositae medicinae
Inhaltlicher Fokus Naturkunde: Pflanzen, Tiere, Steine, Metalle, Elemente – mit medizinischen Anwendungen Heilkunde: Ursprung von Krankheit, Krankheitslehre, Therapie, Rezepte
Struktur 9 Bücher, enzyklopädisch nach Naturreichen 6 Bücher, von Kosmologie zu Praxis
Überlieferung 5 Handschriften + Fragmente; Erstdruck 1533 1 Haupthandschrift (Kopenhagen) + 1 Fragment
Mittelalterliche Wirkung Mäßig, aber nachweisbar (Speyrer Kräuterbuch, Gart der Gesundheit 1485) Praktisch keine – geriet in Vergessenheit
Charakter Nachschlagewerk, Kräuterhandbuch Theoretisches Grundlagenwerk der Medizin
Heutige Relevanz Basis für konkrete Hildegard-Anwendungen (Kräuter, Gewürze, Steine) Basis für das Verständnis von Hildegards Krankheits- und Menschenbild
Erste moderne dt. Übersetzung Ortrun Riha, Beuroner Kunstverlag 2012 Ortrun Riha, Beuroner Kunstverlag 2011

Vereinfacht gesagt: Wer wissen will, was Hildegard für welche Pflanze empfahl, liest die Physica. Wer verstehen will, warum Hildegard so dachte wie sie dachte – was ihr Menschenbild, ihr Krankheitskonzept, ihr Heilungsverständnis trägt –, liest Causae et Curae.

Authentizität und Autorschaft: Was die Forschung sagt

Eine ehrliche Einführung kommt an dieser Frage nicht vorbei: Sind Causae et Curae wirklich vollständig von Hildegard selbst? Die Antwort der Mediävistik ist differenziert.

Da die Originalhandschriften nicht erhalten sind und alle Textzeugen Abschriften aus dem 13. Jahrhundert oder später sind, vertritt die Mehrheit der Forschung heute: Die Werke stammen in ihrem Kern von Hildegard, sind aber möglicherweise von Schreibern redigiert, ergänzt oder verändert worden. Die Medizinhistorikerin Laurence Moulinier, die 2003 die kritische Edition vorlegte, schreibt: Art und Stoff des Werkes seien „weit überwiegend hildegardisch." Medizinhistoriker Klaus-Dietrich Fischer hält die Authentizität für nicht in Frage stellbar, weil Hildegards Denkweise und Sprachstil so eigentümlich seien, dass kein vernünftiger Zweifel an der Urheberschaft bestehen könne.

Gesichert durch externe Quellen: Die Schriften werden in Hildegards Vita erwähnt, die kurz nach ihrem Tod entstand, und erscheinen in den Kanonisationsakten von 1233 – unter dem Alternativtitel Liber compositae medicinae.

Was Causae et Curae heute bedeutet – und wo man kritisch sein sollte

Die Medizinhistorikerin Ortrun Riha, die heute maßgebliche Übersetzerin, hat auf eine Spannung hingewiesen, die den Umgang mit Hildegards Werk prägt: zwischen dem historischen Text einerseits und der modernen „Hildegard-Medizin" andererseits. Populäre Vorstellungen einer einheitlichen, unmittelbar praktisch einsetzbaren Hildegard-Heilkunde blenden die komplexe Entstehungsgeschichte der Texte, ihren Kompilationscharakter und die Überlieferungsprobleme aus.

Das heißt nicht, dass Causae et Curae ohne heutigen Wert wäre. Im Gegenteil – es enthält Einsichten, die weit über ihre Zeit hinausweisen:

Psychosomatik avant la lettre: Die Verbindung von Charakter, Gemüt und körperlicher Krankheitsdisposition, die Hildegard in den Temperamentenlehren zieht, ist ein Vorläufer dessen, was die moderne Psychosomatik erst im 20. Jahrhundert systematisch entwickelt hat. Hildegards Grundgedanke – dass Leib und Seele untrennbar sind und Krankheit immer auf beiden Ebenen betrachtet werden muss – ist zeitlos.

Ganzheitlichkeit als Methode: Hildegard behandelt nicht Symptome, sondern Menschen in ihrem Lebenszusammenhang. Ernährung, Schlaf, Bewegung, Gemüt, Jahreszeit, Konstitutionstyp – all das fließt in ihre Diagnose und Therapie ein. Das entspricht dem, was moderne Präventionsmedizin und Integrative Medizin anstreben.

Kräutermedizin mit Substanz: Viele der in Buch III und IV genannten Heilpflanzen – Wermut, Galgant, Bertram, Fenchel, Quendel – haben durch moderne Phytopharmakologie nachgewiesene Wirksamkeit. Die Volksmedizin, aus der Hildegard schöpfte, hatte in Jahrhunderten empirisch herausgefunden, was Forschungslabore heute bestätigen. Mehr zu einzelnen Kräutern und ihrer Wirkung findest du in unserem Überblick über Kräuter nach Hildegard von Bingen.

Was kritisch zu sehen ist: Hildegards Anatomie und Physiologie entsprechen dem mittelalterlichen Stand – das heißt, sie sind in weiten Teilen falsch. Ihre Beschreibungen von Körpersäften, Organen und Krankheitserregern sind keine moderne Medizin. Wer Causae et Curae liest, liest mittelalterliches Heilwissen – mit allem Erkenntnisreichtum und allen Grenzen, die das mit sich bringt.

Wo du Causae et Curae lesen kannst: Ausgaben und Übersetzungen

Ausgabe Sprache Besonderheit
Ortrun Riha (Übers.), Beuroner Kunstverlag, 4. Aufl. (ISBN 978-3-87071-248-8) Deutsch Maßgebliche Standardübersetzung; vollständig neu übersetzt und eingeleitet; hrsg. von der Abtei St. Hildegard Eibingen
Laurence Moulinier, Akademie Verlag Berlin, 2003 (ISBN 978-3-05-003495-9) Latein (kritische Edition) Wissenschaftliche Standardedition des lateinischen Textes; unverzichtbar für Forschung
Paul Kaiser, Teubner Leipzig, 1903 Latein Erste vollständige Edition; historisch bedeutsam, wissenschaftlich überholt
Hugo Schulz, München, 1933 Deutsch Erste vollständige deutsche Übersetzung; älteres Deutsch, heute vor allem historisch interessant
Praxis-Ausgabe: Benediktinerinnen St. Hildegard Eibingen (Hg.), Beuroner Kunstverlag Deutsch Zugängliche Klappenbroschur-Ausgabe für allgemeines Publikum

Causae et Curae und die Hildegard-Medizin heute: Der Zusammenhang

Vieles von dem, was heute unter Hildegard-Medizin praktiziert wird – die Temperamentenlehre, die Gewürzmischungen, die Fastenkuren, die Kräuterpräparate –, hat seine theoretische Wurzel in Causae et Curae. Die Physica liefert die Rohstoffe; Causae et Curae liefert das Denksystem dahinter.

Wenn Hildegard Wermut gegen Bitterkeit des Gemüts empfiehlt oder Galgant für ein schwaches Herz, dann steht dahinter keine willkürliche Empfehlung – sondern ein kohärentes System, in dem die wärmende Qualität des Galgants das Gleichgewicht eines zu kalt-feuchten Körpersaftes wiederherstellt. Dieses System zu kennen, macht den Unterschied zwischen dem Einsetzen einzelner Mittel und dem Verstehen einer ganzen Heilkultur.

Mehr über die praktischen Anwendungen aus Hildegards Schriften findest du in unseren Artikeln zur Hildegard-Medizin, zur Hildegard-Ernährung und zur Heilfastenkur nach Hildegard. Unsere Produkte – von den Fastenpräparaten bis zu den Hildegard-Kosmetika – folgen konsequent den Prinzipien, die Hildegard in Causae et Curae und Physica niedergelegt hat.

Zusammenfassung: Was du über Causae et Curae wissen solltest

Frage Antwort
Was bedeutet der Titel? „Ursachen und Heilmittel" – vollständiger dt. Titel: „Ursprung und Behandlung der Krankheiten"
Wann entstand das Werk? Ca. 1150–1160, parallel zur Physica
Wie ist es überliefert? Nahezu vollständig in einer einzigen Handschrift (Kopenhagen, 13. Jh.) + Berliner Fragment
Wie viele Bücher? 6 Bücher, 492 Abschnitte
Was ist das zentrale Thema? Mensch als Mikrokosmos; Krankheit als Ungleichgewicht der vier Körpersäfte; Heilung als Wiederherstellung der Ordnung
Worin unterscheidet es sich von der Physica? Physica = Naturkunde/Kräuterhandbuch; Causae et Curae = medizinische Theorie und Krankheitslehre
Welche Übersetzung empfehlen? Ortrun Riha, Beuroner Kunstverlag (4. Aufl., ISBN 978-3-87071-248-8)
Ist Hildegard die alleinige Autorin? Grundsätzlich ja – mit möglichen späteren Redaktionen durch Schreiber; Forschungskonsens stützt Hildegards Autorschaft
Vorausgehend Neben