Hildegard von Bingen (1098–1179) war nicht nur Äbtissin, Komponistin und Visionärin – sie war eine der bedeutendsten Ernährungsdenkerinnen des Mittelalters. Ihre Überlieferungen über Nahrung, Kräuter und Lebensweise sind erstaunlich präzise und faszinieren bis heute viele Menschen. Dieser Leitfaden erklärt, was die Hildegard-Ernährung ausmacht, welche Lebensmittel sie beschrieb – und welche sie ausdrücklich ablehnte.
1. Die Grundprinzipien der Hildegard-Ernährung
Die Ernährungslehre von Hildegard von Bingen beruht auf einem ganzheitlichen Verständnis des Menschen. Körper, Geist und Seele bilden für sie eine untrennbare Einheit. Nahrung ist demnach nicht nur Energielieferant, sondern ein Mittel zur Pflege dieser Einheit.
Im Mittelpunkt steht das Konzept der „Viriditas", eine Art Lebenskraft, die nach Hildegard in bestimmten Lebensmitteln, Kräutern und Gewürzen besonders stark konzentriert ist. Sie unterschied klar zwischen Lebensmitteln, die diese Kraft mehren, und solchen, die sie schwächen.
Hildegard empfahl außerdem eine enge Orientierung an den Jahreszeiten. Jede Jahreszeit bringt andere Nahrungsmittel hervor. Kuren und Fastenphasen sollten daher bewusst terminiert werden.
2. Das Konzept der „Viriditas" – Hildegards Sicht auf Nahrung
Hildegard entwickelte eine eigene Lehre, die sich an die antike Humoralpathologie anlehnt, aber weit über diese hinausgeht. Sie beschreibt, wie bestimmte Speisen die innere Feuchtigkeit (Schleim) des Körpers nach ihrer Überzeugung fördern oder reduzieren, wie sie Wärme oder Kälte erzeugen und wie sie auf einzelne Bereiche des Körpers wirken.
Für Hildegard war Schleim (lateinisch: phlegma) ein zentrales Thema. Zu viel „schlechter Schleim" entsteht nach ihrer Überzeugung durch falsches Essen, zu wenig Bewegung und unachtsame Lebensweise. Die Ernährung ist in ihrer Lehre das wichtigste Mittel, um dieses Gleichgewicht zu pflegen.
Besonders wichtig: Hildegard unterschied zwischen „gutem" und „schlechtem" Schleim. Lebensmittel wie Dinkel oder Fenchel beschrieb sie als förderlich, Lebensmittel wie rohen Kohl oder Schweinefleisch als weniger empfehlenswert.
3. Empfohlene Lebensmittel nach Hildegard
Hildegard hat in ihrem Hauptwerk Physica Hunderte von Lebensmitteln, Kräutern und Gewürzen beschrieben und bewertet. Hier sind die wichtigsten empfohlenen Kategorien:
Getreide
Hildegard beschrieb vor allem Dinkel als bestes Getreide (mehr dazu im nächsten Abschnitt). Hafer erwähnte sie ebenfalls positiv. Weizen ist nach ihrer Lehre nur als volles Korn zu verwenden.
Gemüse
Besonders häufig erwähnt Hildegard: Fenchel, Rettich, Rüben, Sellerie, Bohnen und Edelkastanien. Zwiebeln und Knoblauch sollten nach ihrer Überlieferung bevorzugt gekocht verwendet werden.
Obst
Hildegard beschrieb Äpfel (für empfindliche Menschen gedünstet oder gebacken), Birnen (getrocknet oder gekocht), Mispeln und Quitten. Die Zubereitung spielt in ihrer Lehre eine große Rolle.
Fleisch und tierische Produkte
Hildegard beschrieb mäßigen Fleischkonsum. Besonders erwähnte sie Geflügel und Lamm. Schweinefleisch sah sie kritisch. Eier, Milch und Milchprodukte in Maßen sind nach ihrer Lehre erlaubt. Fisch aus Flüssen (z. B. Hecht, Forelle) wurde geschätzt.
Süßungsmittel
Honig ist das bevorzugte Süßungsmittel in der Hildegard-Küche. Raffinierter Zucker war zu Hildegards Zeit noch unbekannt.
4. Dinkel: Das Getreide der Hildegard
Kein Lebensmittel steht so sehr im Mittelpunkt der Hildegard-Ernährung wie der Dinkel. Sie beschreibt ihn als das „beste Getreide" – warm, fett, kräftig und milder als alle anderen Getreidesorten.
Das klassische Hildegard-Frühstück ist das sogenannte Habermus: ein Dinkelbrei, der mit Äpfeln, Zimt, einer Prise Galgant und etwas Bertram zubereitet wird. Es ist eines der bekanntesten Rezepte aus der Hildegard-Küche.
5. Gewürze nach Hildegard: Galgant, Bertram, Fenchel & Co.
Das vielleicht bedeutendste Alleinstellungsmerkmal der Hildegard-Ernährung sind die Gewürze. Hildegard war ihrer Zeit weit voraus, als sie bestimmte Gewürze nicht nur als Aromaquellen, sondern als zentrale Bestandteile ihrer Lehre beschrieb.
Galgant
Galgant (Alpinia officinarum) ist eines der zentralen Gewürze in Hildegards Lehre. Es gehört zur Familie der Ingwergewächse und schmeckt scharf-würzig. Hildegard widmete ihm in ihren Schriften besondere Aufmerksamkeit:
In Hildegards Überlieferung nimmt Galgant eine zentrale Rolle ein. Unsere Galgant-Tabletten gehören zu den beliebtesten Produkten im Shop.
Bertramwurzel
Bertram (Anacyclus pyrethrum) ist eine fast vergessene Pflanze, deren Wurzel Hildegard in ihren Schriften besonders häufig erwähnte – für den täglichen Gebrauch:
Unser Bertramwurzelpulver kann täglich über Speisen gestreut werden.
Fenchel
Fenchel (Foeniculum vulgare) ist wohl das am häufigsten von Hildegard erwähnte Gewürz. Sie beschrieb ihn als vielseitig einsetzbar. Fenchel kann als Tee, als Pulver oder in Speisen verwendet werden.
Quendel (Wilder Thymian)
Quendel ist die alte Bezeichnung für wilden Thymian und ein weiteres Grundgewürz der Hildegard-Küche. In der Hildegard-Tradition wird er täglich als Gewürz eingesetzt.
Bärwurz
Bärwurz (Meum athamanticum) gehört zu den bekannten Kräutern in Hildegards Lehre. Das berühmte Rezept ist die Bärwurz-Birnhonig-Kur, bei der das Gewürzpulver mit gekochten Birnen und Honig eingenommen wird.
| Gewürz | Bedeutung in Hildegards Lehre | Verwendung |
|---|---|---|
| Galgant | Zentrales Gewürz, häufig erwähnt | Tabletten, Pulver über Speisen |
| Bertramwurzel | Meisterwähntes Gewürz | Pulver, täglich über Essen |
| Fenchel | Vielseitigstes Kraut in Hildegards Schriften | Tee, Tabletten, Pulver |
| Quendel | Grundgewürz der Hildegard-Küche | Gewürz in Speisen |
| Bärwurz | Bekanntes Kur-Kraut | Pulver mit Birnhonig (Kur) |
| Wermut | Klassiker der Frühjahrskur | Trank, Elixier (Kur) |
6. Weniger empfohlene Lebensmittel
Ein wesentlicher Teil der Hildegard-Ernährung besteht darin, bestimmte Lebensmittel zu meiden oder stark zu reduzieren. Hildegard war dabei überraschend konkret.
Erdbeeren
Hildegard warnte ausdrücklich vor Erdbeeren – sie wachsen nahe am Boden und sind daher für sie von Unreinheiten belastet. Dieses Verbot ist eines der bekanntesten und auch am meisten diskutierten in der Hildegard-Ernährung.
Schweinefleisch
Schweinefleisch sah Hildegard kritisch. Sie erlaubte es in geringen Mengen, empfahl es aber nicht als regelmäßige Nahrungsquelle.
Rohkost und kalte Speisen
Hildegard war eine Verfechterin warmer, gekochter Speisen. Rohkost gilt in ihrer Lehre als weniger empfehlenswert. Das steht im Widerspruch zu manchen modernen Ernährungstrends – entspricht aber der Logik ihrer Lehre vollständig.
Hülsenfrüchte (mit Ausnahmen)
Linsen und bestimmte Bohnen sah Hildegard kritisch. Erbsen und Kichererbsen sind dagegen in Maßen beschrieben.
Kaffee, Alkohol, Zucker
Diese Substanzen kannte Hildegard nicht in ihrer heutigen Form – aber auf Basis ihrer Prinzipien lehnen Vertreter der Hildegard-Ernährung Kaffee und Industriezucker klar ab. Kräutertee, Dinkelkaffee und Honig sind die Alternativen.
| Lebensmittel | Einschätzung nach Hildegard |
|---|---|
| Dinkel | Sehr empfohlen |
| Fenchel, Galgant, Bertram | Täglich einsetzen |
| Gedünstete Äpfel, Birnen | Empfohlen |
| Geflügel, Lamm | In Maßen |
| Erdbeeren | Meiden |
| Schweinefleisch | Eher meiden |
| Rohkost | Nur selten, lieber warm |
| Raffinierter Zucker, Kaffee | Meiden (modernes Verständnis) |
7. Kuren und Fastenphasen
Neben der alltäglichen Ernährung spielen in Hildegards Lehre gezielte Kuren eine wichtige Rolle. Sie beschrieb sie als bewusste Rituale im Jahresverlauf.
Wermutkur (Maikur)
Die bekannteste Hildegard-Kur ist die Wermutkur im Frühling (April bis Mai). Wermut-Elixier wird nüchtern eingenommen – ein Klassiker der Hildegard-Tradition, den Hildegard von Mai bis Oktober als Jahresritual beschrieb.
Bärwurz-Birnhonig-Kur (Herbst)
Die Bärwurz-Kur ist besonders für den Herbst beschrieben. Das Bärwurzpulver wird täglich mit gekochten Birnen und Honig eingenommen – über mehrere Wochen.
Hildegard-Fasten
Das Fasten nach Hildegard ist kein totaler Nahrungsentzug, sondern eine bewusste Reduzierung auf leichte Speisen: Dinkelbrei, Gemüsesuppen, Kräutertees. Hildegard beschrieb Fastenperioden mindestens einmal jährlich – vorzugsweise in der Fastenzeit vor Ostern.
Mehr dazu: Unsere ausführlichen Fasten-Artikel im Blog.
8. Typische Hildegard-Rezepte
Habermus (Dinkelbrei)
Das klassische Hildegard-Frühstück: 100 g Dinkelschrot werden mit 200 ml Wasser aufgekocht und ausquellen gelassen. Dazu kommt ein geriebener Apfel, eine Prise Zimt, eine Messerspitze Galgant und etwas Bertram. Gesüßt wird mit Honig.
Dinkelkräuterbrot
Ein Brot aus Dinkelvollkornmehl, gewürzt mit Fenchel, Quendel und Galgant. Ohne Hefe – stattdessen mit einem milden Sauerteig.
Petersiliensuppe
Hildegard schätzte Petersilie besonders. Eine einfache Suppe aus Dinkelgrieß, frischer Petersilie, Gemüsebrühe und einem Schuss Petersilientrank eignet sich als leichtes Abendessen.
Wermuttrank (Wermutelixier in Wein)
Für die Maikur: Wermutextrakt wird mit einem guten Tropfen Weißwein verdünnt und nüchtern getrunken. Eine Tradition, die Hildegard explizit beschrieb.
9. JURA und die Hildegard-Tradition
Die Hildegard-Ernährung wird nicht nur von Laienpublikum, sondern auch von ausgebildeten Fachleuten geschätzt.
Dr. med. Gottfried Hertzka (1913–1997) gilt als Begründer der modernen Beschäftigung mit Hildegards Lehre. Er arbeitete ab 1960 eng mit JURA zusammen und machte Hildegards Rezepturen erstmals für Apotheken zugänglich. Sein Buch „So heilt Gott" ist ein Klassiker und bis heute in vielen Praxen zu finden.
Weiterführende Informationen aus wissenschaftlicher Perspektive bietet die Studie über mittelalterliche Pflanzenkunde im Journal of Ethnopharmacology.
10. Hildegard-Ernährung heute
Die moderne Ernährungswissenschaft hat einige Beobachtungen Hildegards bestätigt – auch wenn die Erklärungsmodelle natürlich andere sind als die mittelalterliche Säftelehre.
Dinkel: Tatsächlich enthält Dinkel mehr Protein und eine andere Aminosäurezusammensetzung als moderner Weizen. Viele Menschen mit Weizensensitivität vertragen Dinkel besser.
Galgant: Inhaltsstoffe wie Galangin, die im Galgant vorkommen, werden in der phytotherapeutischen Forschung untersucht.
Fenchel: Fenchel ist fester Bestandteil der europäischen Phytotherapie (ESCOP-Monographie vorhanden).
Insgesamt gilt: Die Hildegard-Ernährung ist keine Schulmedizin. Sie ersetzt keine ärztliche Behandlung. Aber sie bietet ein kohärentes, naturnahes Ernährungskonzept, das viele Menschen als Bereicherung für ihren Alltag empfinden.
11. So starten Sie – praktische Tipps für den Alltag
Schritt 1: Dinkel einführen. Ersetzen Sie Weizenbrot schrittweise durch Dinkelbrot. Bereiten Sie morgens Habermus zu – mit Apfel, Zimt und einer Prise Galgant.
Schritt 2: Gewürze täglich einsetzen. Streuen Sie täglich eine Messerspitze Bertramwurzel über eine warme Mahlzeit. Nutzen Sie Fenchel als Tee am Abend.
Schritt 3: Eine saisonale Kur durchführen. Starten Sie im Frühjahr mit der Wermutkur oder im Herbst mit der Bärwurz-Birnhonig-Kur. Unsere Kurpakete enthalten alles Nötige.
Schritt 4: Warmem Essen den Vorzug geben. Speisen sollten mindestens Zimmertemperatur haben – besser warm.
Schritt 5: Jahreszeiten beachten. Essen Sie, was die Saison hergibt. Im Sommer leicht, im Winter nahrhaft und wärmend.
Häufig gestellte Fragen zur Hildegard-Ernährung
Ist die Hildegard-Ernährung vegetarisch?
Nein. Hildegard beschrieb maßvollen Fleischkonsum – vor allem Geflügel und Lamm. Sie stellte aber pflanzliche Grundnahrungsmittel wie Dinkel, Gemüse und Gewürze in den Mittelpunkt.
Kann ich die Hildegard-Ernährung mit meiner bestehenden Ernährung kombinieren?
Ja. Die Prinzipien lassen sich gut ergänzen. Wer z. B. glutensensitiv ist, sollte Dinkel zuerst in kleinen Mengen testen. Bei chronischen Erkrankungen empfehlen wir immer, einen Arzt hinzuzuziehen.
Wo finde ich authentische Hildegard-Produkte?
JURA stellt seit 1984 Hildegard-Produkte nach den Überlieferungen von Dr. Hertzka her. Alle Produkte finden Sie unter hildegard.de.